HamBird
Entwurf v0.8 · Diskussionsgrundlage

Ein Ham-Pager am Schlüsselbund.
Monate mit einer Knopfzelle.

HamBird ist ein Paging-System für den Amateurfunk im 70-cm-Ham-Band. Statt POCSAG nutzt es Chirp-Spread-Spectrum-Modulation (CSS): mehr Reichweite, drastisch weniger Energie - und ein Empfänger, der kaum größer ist als sein Display.

434,900 MHz
70-cm-Ham-Band
SF9
Spreading Factor
−12,5 dB
SNR dekodierbar
CR2032
eine Knopfzelle
> 6 Mon.
Laufzeit (Ziel)
> 50 W
TX-Basis
01 · Modulation

Warum CSS statt POCSAG?

POCSAG stammt aus den 1980ern und braucht ein Signal deutlich über dem Rauschen. CSS - bekannt aus LoRa - dekodiert zuverlässig noch bei etwa −12,5 dB unter dem Rauschteppich. Das übersetzt sich direkt in Reichweite: gleiche Abdeckung mit einem Bruchteil der Sendeleistung, oder deutlich mehr Abdeckung mit gleicher Leistung.

Für den Empfänger zählt aber vor allem die zweite Seite der Medaille: Die Chirp-Korrelation ist in Hardware (Semtech-Silizium) extrem sparsam, und das HamBird-Protokoll erlaubt es, den Empfänger fast immer schlafen zu lassen. Erst dadurch wird eine Knopfzelle als einzige Energiequelle realistisch.

Diagramm: Ein FM-FSK-Signal ragt +5 dB über das Rauschen, während das CSS-Signal bei −15 dB SNR unterhalb des Rauschens liegt und trotzdem dekodierbar ist
CSS bleibt unter dem Rauschen dekodierbar - FSK braucht Abstand darüber.

Reichweite

Rund 20 dB Link-Budget-Vorteil gegenüber schmalbandigem FSK - Abschattungen, Innenräume und Randlagen werden erreichbar.

Energie

Kurze, robuste Frames plus geplante Empfangsfenster: der Empfänger ist > 99,9 % der Zeit im Tiefschlaf.

Robustheit

Spreizung macht das Signal unempfindlich gegen Schmalbandstörer und Frequenzdrift - wichtig bei einer kleinen Chip-Antenne am Schlüsselbund.

Reichweite mit 50 W Sendeleistung (Überschlag)

PostenWert
TX-Leistung 50 W+47 dBm
TX-Antenne (Rundstrahler, exponiert)+3 dBi
Kabel + Cavity-Filter−3 dB
RX-Empfindlichkeit SAMR34 (SF9/125 kHz)−129 dBm
Chip-Antenne am Mini-PCB≈ −12 dBi
Zulässige Streckendämpfung≈ 164 dB
Stadt
≈ 20 km Radius

Am Körper getragen (−5…−10 dB) eher 10-15 km.

Vorstadt / Randlage
≈ 30-40 km

Lockere Bebauung, weniger Abschattung.

Offenes Land
funkhorizontbegrenzt

≈ 25-30 km bei 30 m Masthöhe, 50 km und mehr von einem wirklich exponierten Standort.

Die Chip-Antenne ist der größte Minusposten - genau das fängt CSS auf: −129 dBm Empfindlichkeit bei SF9 gegenüber etwa −110 dBm eines typischen POCSAG-Empfängers, rund 20 dB Vorsprung. Terrestrisch limitieren Bebauung, Vegetation und Erdkrümmung (Hata-Modell, Sender 30 m, Empfänger 1,5 m) - nicht die Sendeleistung.

02 · Funktionsweise

Vom Anruf auf dem Relais bis zur Benachrichtigung

HamBird hört auf einem ganz normalen Relais mit - zum Beispiel DB0SP. Fällt dort ein Rufzeichen, wird der zugehörige Empfänger per CSS gerufen. Reine Simplex-Aussendung, kein Rückkanal.

1Relais

Ein OM ruft dich in Sprache auf dem Relais, z. B. DB0SP.

2RX-Audio

Ein handelsüblicher Empfänger liefert das NF-Signal an den Audio-Eingang des Raspberry Pi.

3VOSK

Offline-Spracherkennung erkennt dein Rufzeichen im laufenden Funkverkehr.

4CSS-Sender

SX1268 erzeugt den Chirp, die PA hebt ihn auf Relais-taugliche Leistung.

5Schlüsselbund

Dein HamBird wacht im nächsten Empfangsfenster auf, piept und zeigt den Ruf auf E-Ink.

03 · Spracherkennung

VOSK hört das Relais ab - dein Rufzeichen ist der Auslöser

Auf dem Raspberry Pi läuft VOSK, eine komplett lokale Spracherkennung - keine Cloud, kein Internetzwang. Sie lauscht dauerhaft auf dem Relais-Audio und sucht nach Rufzeichen: sowohl ausgesprochen („Delta Lima …“) als auch buchstabiert nach ICAO-Alphabet.

Wird dein Rufzeichen erkannt, geht innerhalb weniger Sekunden ein Ruf-Frame an deinen HamBird raus. Zusätzlich merkt sich der Sender die letzten 16 erkannten Rufzeichen und strahlt sie in größeren Abständen als Broadcast aus - so sieht jeder HamBird, wer zuletzt auf dem Relais aktiv war.

Ein kleines Web-Dashboard auf dem Pi zeigt live, was die Erkennung versteht, welche Rufe ausgelöst wurden und ob Beacon und PA sauber laufen.

So könnte die Anzeige auf dem 1,54″-E-Ink aussehen: 200 × 200 Pixel in Schwarz, Weiß, Rot und Gelb. Relais und UTC-Zeit, daneben das Alarm-Banner in Rot · das gerufene Rufzeichen, groß in Schwarz · die zuletzt gehörten Rufzeichen aus dem letzten Broadcast.

04 · Protokoll

Ein Beacon pro Minute - der Herzschlag des Systems

Das Protokoll ist kompakt und komplett auf Empfänger-Energie optimiert. Gesendet wird auf 434,900 MHz mit Spreading Factor SF9 - als mögliche Alternative ist 439,700 MHz im Gespräch. Der Sender strahlt jede Minute einen Beacon als Zeitsignal aus. Die Empfänger synchronisieren ihre Uhr darauf und öffnen den Empfänger nur zum erwarteten Beacon-Zeitpunkt - wenige Millisekunden pro Minute.

min 0
min 1
min 2
min 3
min 4
Beacon (Zeitsignal, 1/min) Ruf-Frame Broadcast: letzte 16 Rufzeichen
BEACONjede Minute · Airtime ≈ 0,12 s
RUFwenn VOSK ein Rufzeichen erkennt · ≈ 0,17 s
BROADCASTalle ~10 Minuten · ≈ 0,53 s

Braucht es eine 0x55/0xAA-Präambel?

Nein - das Bitmuster-Wecken stammt aus der FSK/POCSAG-Welt. Bei CSS besteht die Präambel aus Upchirps, die der Funkchip in Hardware erzeugt und erkennt; Bytes wie 0x55 0xAA gibt es auf der Luftschnittstelle gar nicht. Die Standardlänge von 8 Symbolen (≈ 33 ms bei SF9/125 kHz) reicht, weil die Empfänger dank Beacon-Sync genau wissen, wann sie lauschen müssen - lange Weck-Präambeln wären nur bei unsynchronisiertem Duty-Cycle-Scannen nötig. Einzige Ausnahme: Nach dem Batteriewechsel lauscht der Empfänger einmalig bis zu 60 s durchgehend, bis er den ersten Beacon fängt.

Rufzeichen: 6 Byte - aber richtig genutzt

ASCII verschenkt Platz: 6 Byte wären bei 8-bit-Zeichen nach 6 Zeichen zu Ende, DK0ABC/P passte nicht mehr. Rufzeichen brauchen aber nur 38 Symbole (A-Z, 0-9, „/“, Ende). Als Base-38-Zahl gepackt passen bis zu 9 Zeichen in dieselben 6 Byte (38⁹ < 2⁴⁸). Beispiel DL1XYZ → Ziffernfolge 4·12·28·24·25·26 → eine 48-bit-Zahl. Das Rufzeichen selbst ist die Geräte-ID - es gibt keine gesonderte Seriennummer, und der Empfänger vergleicht schlicht 6 Byte.

Alle Frames auf 434,900 MHz (alternativ möglich: 439,700 MHz) mit SF9, 125 kHz Bandbreite, CR 4/5, CRC-16 aus der LoRa-PHY. Das Beacon-Feld „Ankündigung“ sagt den Empfängern, ob in dieser Minute noch ein Ruf oder Broadcast folgt - nur dann bleiben sie länger wach. Simplex ohne Rückkanal: der Sender wiederholt Rufe in den Folgeminuten, statt auf Quittungen zu warten. Alle Inhalte werden unverschlüsselt übertragen - wie es die Amateurfunkverordnung für die Nutzung der Frequenzen vorschreibt.

SF9 als Basis - SF10 zum Vergleich

SF10 brächte 3 dB mehr Link-Budget (rund 25 % mehr Radius), verdoppelt aber alle Airtimes - und damit Beacon-Empfangsfenster und mittleren Stromverbrauch des Empfängers. HamBird startet deshalb mit SF9; ein Wechsel wäre später per Firmware-Update möglich.

SF9 (Basis)SF10 (Vergleich)
Empfindlichkeit−129 dBm−132 dBm
SNR-Grenze−12,5 dB−15 dB
Symboldauer4,1 ms8,2 ms
Airtime Beacon / Ruf / Broadcast0,12 / 0,17 / 0,53 s0,25 / 0,29 / 1,0 s
Beacon-Empfangsfenster≈ 100 ms/min≈ 250 ms/min
Mittlerer Strom≈ 12 µA≈ 25 µA
CR2032 realistisch≈ 16 Monate≈ 8 Monate
Reichweite Stadt≈ 20 km≈ 25 km

Zeitsynchronisation

Der Minuten-Beacon trägt die UTC-Minute. Der Quarz des Empfängers muss nur eine Minute lang genau genug sein - das schafft auch ein Uhrenquarz mit großzügigem Fangfenster.

Empfangsfenster

Zwischen den Beacons schläft der SAMR34 tief. Kündigt der Beacon einen Ruf oder Broadcast an, bleibt der Empfänger nur die dafür nötigen Millisekunden länger wach.

Broadcast

In größeren Abständen sendet HamBird die letzten 16 per VOSK erkannten Rufzeichen als Sammel-Frame - eine kleine „Wer war auf dem Relais?“-Liste für alle.

05 · Empfänger — das Herzstück

Kaum größer als das Display, monatelang wach

HamBird-Empfänger am Schlüsselbund vor einer Tastatur: schwarzes Gehäuse, rote Contact-Taste, 1,54-Zoll-E-Ink-Display mit HamBird-Logo

Mockup · der HamBird am Schlüsselbund - das E-Ink hält die Anzeige auch stromlos.

Explosionsdarstellung des Empfängers: Platine mit SAMR34, Gehäuserahmen mit eingelegter CR2032-Knopfzelle, rote Contact-Taste, Gehäusedeckel und E-Ink-Display-Modul - daneben ein Streichholz als Größenvergleich

Mockup · vier Teile: Platine · Display · Rahmen · Deckel - das Streichholz gibt den Maßstab. Kein Steckverbinder zu viel.

Prozessor + Funk
Microchip SAMR34

Cortex-M0+ mit integriertem Semtech-CSS-Transceiver - ein einziger Chip für alles.

Antenne
Chip-Antenne

Keramik, direkt auf der Platine - möglich dank CSS-Link-Budget.

Anzeige
1,54″ E-Ink

200 × 200 px in Schwarz/Weiß/Rot/Gelb. Hält die Anzeige stromlos, Update nur bei neuem Ruf.

Alarm
Transducer

Piept, wenn das eigene Rufzeichen gerufen wird.

Energie
1× CR2032

Eine Knopfzelle, Ziel: mehr als sechs Monate Laufzeit.

Contact-Taste
Kontaktanzeige für Finder

Ein Druck auf die rote Taste zeigt die Kontaktdaten des Besitzers auf dem Display - wer den Schlüsselbund findet, weiß, wohin damit.

Funktionskontrolle
Blaue LED

Eine kleine blaue LED blitzt alle 10 Sekunden kurz auf - ein Blick genügt, um zu sehen, dass der HamBird läuft.

Update
USB-Bootloader

Firmware-Updates über die USB-Buchse, kein Programmieradapter nötig.

Energie-Budget (Entwurf)

ZustandStromAnteilBeitrag zum Mittel
Tiefschlaf (RTC läuft)≈ 2 µA> 99,9 %≈ 2 µA
Beacon-Empfangsfenster≈ 5 mA≈ 100 ms/min≈ 8 µA
E-Ink-Update + Alarm≈ 10 mAwenige s/Tag≈ 2 µA
Mittel≈ 12 µA
CR2032 brutto220 mAh÷ 12 µA≈ 18.300 h ≈ 25 Monate
CR2032 realistisch≈ 65 % nutzbarPuls-Derating≈ 143 mAh → ≈ 16 Monate

Überschlagsrechnung als Diskussionsgrundlage. Das Derating trägt der Chemie Rechnung: Eine CR2032 ist für ~0,2 mA Dauerlast gebaut - die mA-Pulse von RX-Fenster und E-Ink-Update muss ein Stützkondensator liefern, sonst bricht die Zellspannung ein und ein Teil der Kapazität bleibt ungenutzt. Dazu kommen Fangfenster, Quarzdrift und Alarmhäufigkeit als Variablen. Selbst konservativ gerechnet bleibt vom Ziel „mehr als sechs Monate“ ein Sicherheitsfaktor von rund 2-3.

Kosten pro Empfänger (Abschätzung)

Komponente≈ € / Stück (10er-Serie)
Microchip SAMR347,00
1,54″ E-Ink BWRY 200 × 20010,00
Chip-Antenne + Anpassnetzwerk2,00
Quarze (32,768 kHz + TCXO)2,50
Transducer (Piezo)1,50
USB-Buchse, CR2032-Halter + Zelle2,00
Passives, LDO, Stützkondensator2,50
PCB 4-lagig (10 Stück)3,00
Gehäuse (3D-Druck, Eigendruck)1,50
Summe Material≈ 32 €

Mit Versand, Zoll und Ausschussreserve realistisch ≈ 35-40 € pro Mustergerät; Bestückung als Eigenleistung gerechnet (Fremdbestückung: + 5-10 €). Display und SAMR34 machen gut die Hälfte der Kosten aus. In einer 100er-Serie fällt der Stückpreis auf etwa 22-25 €.

06 · Sender

Der Sender: Mittel zum Zweck

Auf der Senderseite gibt es bewusst nichts Exotisches - Standardteile, die jeder OM beschaffen kann. Die ganze Intelligenz steckt im Protokoll und im Empfänger.

Kosten des Senders (Abschätzung)

Kern-Sender≈ €
Raspberry Pi (Mini-Format) + SD-Karte30
SX1268-Modul (mit TCXO)8
Mitsubishi RA60H3847M1 PA-Modul100
Kühlkörper + Lüfter25
Netzteil 12,5 V / ≥ 15 A50
Sender-PCB + Tiefpass-Bauteile25
Abgeschirmtes Gehäuse (Alu, wetterfest)40
Kleinteile, Sequencer, DC-Wandler20
Zwischensumme≈ 300 €
Standort-Zubehör≈ €
Cavity-Bandpassfilter 70 cm (gebraucht/Kit)90
Antenne (Rundstrahler)80
Koaxkabel + Stecker40
RX-Empfänger fürs Relais-Audio (gebraucht)40
Zwischensumme≈ 250 €

Gesamt ≈ 550 €, je nach Bezugsquellen 500-650 € - einmalig: ein Sender versorgt beliebig viele Empfänger. Ein Treiber ist nicht nötig, der SX1268 liefert mit +22 dBm mehr als die ~50 mW, die die RA60H3847M1 für Nennleistung braucht - eher gehört ein Dämpfungsglied dazwischen. Das Netzteil nicht unterschätzen: bei ~40 % PA-Wirkungsgrad bedeuten 60 W HF gut 150 W Aufnahme.

07 · Fahrplan

To-do: von der Idee zum HamBird am Schlüsselbund

Empfänger

  • Schaltplan entwerfen.
  • PCB mit KiCad routen, auf GitHub veröffentlichen und produzieren lassen.
  • Fertige PCB bestücken und die Firmware mit E-Ink-Ansteuerung und USB-Bootloader entwickeln - große Teile sind auf GitHub bereits als Open Source verfügbar.
  • Gehäuse entwerfen und im 3D-Druck-Verfahren fertigen.
  • Die Produktion von mindestens 10 Mustergeräten starten.

Sender

  • Sender mit Endstufe (mindestens 60 Watt) als PCB entwerfen.
  • Die Software entwickeln: VOSK-Spracherkennung, SX1268-Ansteuerung über SPI, Protokoll-Stack und Web-Dashboard.
  • In einem abgeschirmten Gehäuse auf dem Dach eines exponierten Standorts montieren.
  • Unbedingt einen Tiefpass zwischen SX1268 und Endstufe sowie einen Cavity-Bandpassfilter vor der Antenne vorsehen - wegen möglicher Oberwellen, für ein sauberes TX-Signal.

Messfahrten

  • Die Reichweitenabschätzung durch Messfahrten in Stadt, Vorstadt und offenem Land validieren.